Alles, wogegen wir kämpfen! – Mein Aufenthalt im „Schulentwicklungscamp“

Eigentlich sollte ich zwei komplette Tag im „Schulentwicklungscamp“ in Halberstadt zubringen. Donnerstag und Freitag. Ich habe es trotz des festen und redlichen Vorsatzes, einmal mit Leib und Seele einzutauchen in die Lebenswirklichkeit der Schule von heute, nur bis Donnerstagnachmittag geschafft. Zu viel Verkehrtes und Verrücktes, zu viel Falsches und Schlechtes folgte da Schlag auf Schlag, sammelte sich, summierte sich auf und steigerte sich in wenigen Stunden bis zur Unerträglichkeit. Ein paar Tage mußten vergehen, bis ich darüber schreiben konnte. Jetzt ist es so weit. Ich will also berichten, was mir widerfuhr.

Wie in der Einladungsemail erbeten, fand ich mich Donnerstagvormittag in der Turnhalle der Ganztagssekundarschule „Freiherr Spiegel“ in Halberstadt ein. Das erste, leider nur allzu bekannte Gesicht: Der rote Lippmann und seine Nachfolgerin auf dem GEW-Vorsitz Eva Gerth. Erste Schlußfolgerung: Wir brauchen einen konservativen Lehrerverband. Der Philologenverband in Sachsen-Anhalt ist ja noch halbwegs in Ordnung, aber leider nur für die Gymnasien zuständig.

Dann die Eröffnung. Dreihundert Schüler, Lehrer, Politiker und sonstige Funktionäre gruppieren sich im Kreis. „We will rock you“ erdröhnt in der Turnhalle. Vier Schüler klopfen dazu auf Trommeln, die einen exotischen Namen tragen, den ich nicht richtig verstanden oder wieder vergessen habe. Egal. Besonders anspruchsvoll ist das Getrommel nicht. Man merkt an den Mienen der Schüler, daß ihnen ihre Darbietung selbst peinlich ist genauso wie der Applaus. Die Botschaft ist klar: Wir – die Schüler – werden euch – die Politiker und Lehrer – bewegen. Das ist natürlich Flunkerei, denn in Wahrheit werden die Musterschüler vorgeschoben, die brav von sich aus das wollen, was sie wollen sollen und wohin sie subtil und hintergründig gelenkt werden. Die meisten Schüler freilich sehen nicht einmal ansatzweise so aus, als würden sie irgendwas bewegen wollen, sondern eher so, als wäre ihr sehnlichster Wunsch, die Zeit möge bitte ihren Lauf beschleunigen und etwas schneller vergehen als sonst.

Unter den Eröffnungsrednern fiel mir eine Vertreterin der Mercator-Stiftung auf, die ordentlich Aktien an der Veranstaltung hatte. Eine google-Recherche zwischendurch ergab: Die Mercator-Stiftung fördert Projekte Pro-EU, Pro-Migration, Pro-CO2-Reduktion und weist ganz oben auf ihrer Internetseite auf eine Studie hin, die triumphierend verkündet: „AfD hat Potenzial nicht gesteigert“. Gemeint sind die Ergebnisse der Landtagswahlen. Mit politischer Neutralität hat das nicht mehr viel zu tun. Der ganze schädliche Schwachsinn der etablierten Politik in konzentrierter Form, was nicht verwundert, wird die herrschende Agenda doch eben von solchen Stiftungen vorgedacht und dann in die Politik gebracht. Zweite Schlußfolgerung: Wir brauchen starke Stiftungen und Fördernetzwerke! Einprozent, Titurel, Desiderius-Erasmus, Friedrich-Friesen – all das muß unbedingt ausgebaut, gefördert und gefestigt werden.

In der Turnhalle herrschte die ganze Zeit ein unverschämter Geräuschpegel, gegen den die Redner ankämpfen. Ein Radiomoderator versuchte es erst mit Überzeugungsarbeit, dann ganz ohne Mikro (in der Hoffnung, wenn er leiser wäre, würden es die anderen auch), dann mit „Pscht“, dann gab er auf. Anscheinend hatte niemand in den Augen der Schüler so viel Autorität, daß sie für ihn geschwiegen hätten. Das war nicht die Schuld derer, die vorne standen, es lag an der Einstellung, die man den Schüler von klein auf beibrachte und die es nahezu unmöglich machte, sich Respekt zu verschaffen.

Und doch mußte es, so dachte ich mir, Unteroffizierstypen von Lehrern geben, die in der Lage sind, kraft ihres Charakters sogar einen solchen respektlosen Haufen zu bändigen. Ich wünschte mir, ein solches Prachtexemplar von Pauker, am besten mit Glatze, Nickelbrille und tüchtig Schmissen im Gesicht, würde genau jetzt den Saal betreten und eine Donneransage machen, worauf sich schlagähnlich in der gesamten Halle Stille ausbreiteten würde.

Das sollte aber nicht sein. Das immer wiederkehrende Motiv der Einführungsreden: Die Schüler selbst sollen Regie führen. Sie sollen das Ruder übernehmen, zeigen, wo’s langgeht. Die Lehrer und die Erwachsenen sind unwichtig. Alles, was zählt, sind die Ideen der Schüler. Nicht die Schüler müssen dem Lehrer zuhören, sondern umgekehrt. Im Privaten spricht man bei sowas davon, daß die Eltern ihre Kinder verziehen. Und hier machen es eben die Lehrer.

Die einfachste Grunderkenntnis aller Bildung, daß man, um sich entfalten zu können, erstmal etwas gelernt haben muß, scheint allen Beteiligten gründlich abhanden gekommen zu sein. Hätte ich hier versucht, zu erklären, daß Bildung keine manische Nabelschau, Selbstbeschäftigung und Selbstbefriedigung ist, sondern Aneignung von Bildungsgut, ich bin mir sicher: Niemand hätte verstanden, was ich hätte sagen wollen. Also schwieg ich und beobachtete weiter.

Unter den angebotenen Arbeitsgruppen beschäftigte sich die einzig wirklich sinnvolle mit der Forderung nach gutem Schulessen. Alles, was mit Bildung zu tun hatte, war überflüssig, verkehrt oder schädlich. Am meisten ärgerte mich eine Arbeitsgruppe „Schule ohne Hausaufgaben“. Wie kann jemand, der auch nur irgendetwas mit dem Schulbetrieb zu tun hat, auf die Idee gekommen, Hausaufgaben – das Kernstück jeder Schulbildung – seien verzichtbar? Erst zuhause, in der Ruhe des Kinderzimmers, beim Lesen, Üben und Vertiefen, lernt man doch eigentlich. Erst dort festigt sich, was in der Hektik des Schulbetriebs nur oberflächlich vorgeführt wird.

Ich konnte mir schon denken, welche Motive da hereinspielten. Sicherlich würde jemand wieder mit der Figur des Prekariers ankommen, der zuhause kein eigenes Zimmer und keine Ruhe hat und wohl auch keine Arbeitskultur kennt. Er würde erklären, daß Hausaufgaben die ungerechte Verteilung von Bildungschancen begünstigen und deshalb abgeschafft gehören. Dafür würde er viel Zustimmung ernten. So mancher Lehrer wäre wohl auch froh, wenn er die Hausaufgaben, die eh kaum noch ernsthaft erledigt werden, nicht mehr kontrollieren müßte. Und die Schüler, von denen zu allen Zeiten nur die wenigsten einen inneren Drang zur Hausaufgabe verspüren, würden Beifall johlen.

Ich entschied mich gegen die AG „Schule ohne Hausaufgaben“ und wählte als wahrscheinlich leichtere Geduldsprobe und kleineres Übel die AG „Echte Aufgaben“. Gemeint waren Aufgaben mit Lebens- und Praxisbezug, was, wenn man es recht verstehen würde, so falsch ja nicht wäre. Man sollte es aber nicht recht verstehen.

Doch vorher war Mittagessen angesagt. Wahlweise Milchreis (nicht als Nachtisch, als Mittagessen!) oder eine unangenehm säuerlich riechende Suppe, in der man kleine Fleischwürfel suchen mußte und die als Gulasch ausgegeben wurde. Dazu wässrige, regelrecht durchsichtige Kartoffeln. Ich nahm den Gulasch mit den durchsichtigen Kartoffeln und spürte gleich nach dem Essen, daß ich in spätestens zwei Stunden wieder von Hunger geplagt werden würde. Zum Glück stand hinter der Schule eine Feldküche, wo ich eine steife Erbsensuppe mit Bockwurst bekam – dreimal besser als der Saufraß in der Schulkantine.

Nach dem Essen um 14 Uhr ging es dann weiter mit der Arbeitsgruppe. Einige Lehrer, Funktionäre aus dem Schulamt, Schüler und Organisatoren fanden sich in Raum 321 ein. Dazu Ti Kej. Sein eigentlicher Name war Tonio Krüger, Tino Kröger oder so ähnlich – er bevorzugte aber nach eigenem Bekunden Ti Kej. Ti Kej war Theaterpädagoge und hatte in Berlin ein Projekt mit Flüchtlingen gemacht. Da die Neuankömmlinge noch kein Deutsch konnten, war die nonverbale Körpersprache des Theaterpädagogen natürlich ideal. Die Lehrer und die Funktionäre waren sehr erbaut von diesen Informationen, einige lächelten geradezu selig. In jedem Fall wurde atmosphärisch sofort klar: Dafür, daß Tee Kay was mit Flüchtlingen gemacht hat, verdiente er nichts als das reinste Wohlwollen. Ein guter Mensch. Ein Vorbild für die Schüler. Dritte Schlußfolgerung: So funktioniert Indoktrination. Sie kommt ohne Verstöße gegen das Neutralitätsgebot aus, überhaupt ohne explizite Erklärung. Sie geht etwas subtiler vor. Das, was den Schülern eingeprägt werden soll, wird nicht klar benannt, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt.

Um solche Verfahren zu stören, bedarf es intelligenter Störenfriede mit starker Persönlichkeit, die den stillen Konsens brechen, die explizit machen, wovon alle schweigen, und etwa kontern: „Also ich finde es gar nicht gut, daß sie was mit Flüchtlingen machen!“ Sie müßten der Anfeindung gewachsen sein und der Argumentation, was möglich ist, weil die besseren Argumente immer noch gegen den Willkommensirrsinn streiten, aber leider sind diese Störenfriede selten. Doch ich weiß, daß es sie gibt, denn sie melden sich ab und an bei uns in der Fraktion. Vierte Schlußfolgerung: Wenn solche Ausnahmeschüler in Erscheinung treten, brauchen sie all unsere Unterstützung.

Nach dem Geplauder ging es unter Anleitung des Theaterpädagogen mit Blödelspielen weiter. Paare aus einem Erwachsenen und einem Schüler mußten sich gegenseitig Fratzen schneiden. Ich mußte mich darauf konzentrieren, die aufsteigende Wut zu unterdrücken, und zog es vor, das Ganze zu beobachten.

Dann wieder Geplauder in der Runde. Die Schüler sollen zum Oberthema „Echte Aufgaben“ Arbeitsgruppe mit Unterthemen bilden. Eine Schülerin wählt „YouTube“ als Thema. Sie will mehr YouTube im Unterricht und erzählt von einer Youtuberin, die sie toll findet. Die erklärt, wie man Wohnzimmer einrichtet, und verkauft ihre eigenen Parfüms. Ti Kej ist entzückt und fragt, wie man das nennt, wenn jemand nicht angestellt ist, sondern selbst Dinge verkauft wie diese Youtuberin. Niemand kommt drauf. Wir haben es mit Schülern schätzungsweise der 8. und 9. Klasse zu tun! „Selbständig, Unternehmer“, löst Ti Kej schließlich das zu schwere Rätsel auf.

Bei dieser Gelegenheit wurde Ti Kej gleich los, was er schon immer mal sagen wollte, nämlich daß die Schüler anders als ihre Eltern nicht mehr ihr ganzes Leben lang dieselbe Arbeitsstelle haben würden, sondern mal dies und mal das machen müßten. Das klang ein wenig nach Drohung. Dazu nickte er belehrend. Und die anderen Erwachsenen nickten ihm zu. Schon wieder Manipulation. Meine Laune war im Keller. Das sind Typen! Lauschen der Presse und den Politikern ab, worauf alles hinausläuft, dieser ganze Vernichtungsprozeß, der unsere Ruhe, unseren Wohlstand, unsere Identität auflöst, und richten dann die Schüler danach aus: Willige Vorstrecker der Globalisierung. Möglicherweise läuft das alles unbewußt ab, möglicherweise spekulieren sie auf Belohnung für ihre Konformität.

Ich war unfähig zu protestieren. Gelähmt von dieser frechen Niedertracht, die sich als Fürsorglichkeit und Humanität tarnt. Ich hätte laut werden müssen und den Schülern erklären: „Wenn ihr davon träumt, ein ganzes Leben für eine Firma zu arbeiten, ein Häuschen zu bauen, eine Familie zu gründen, nicht umzuziehen und den Beruf nicht zu wechseln, dann ist das ok. Steht dazu! Laßt Euch das nicht ausreden von den Schleimern, den Systemlingen, den Mercatorstiftlingen, den Kriechern im Palast der Machthaber!“

Wahrscheinlich hätten die Schüler darauf genauso reagiert wie auf die Ansprache, nun endlich das Ruder zu übernehmen und zu sagen, wo’s langgeht: Achselzuckend. Diese jungen Menschen waren nicht für die Rebellion gemacht, erst recht nicht für die echte Rebellion, ja nicht einmal für die von oben kommenden, wohlfeilen Aufforderungen zur Pseudorebellion. Auch bei einer Fridays-for-Future-Demonstration konnte ich sie mir nur als Mitläufer vorstellen.

Ich mußte abends in Querfurt sein – Ausschußsitzung – und hätte noch eine Stunde bleiben können, hielt aber nur noch fünf Minuten durch. Die Anspruchslosigkeit gegen sich und andere, die bis aufs Essen durchschlägt. Die Verwahrlosung, die Manipulation, das dümmliche Geblödel, die groteske Fratzenschneiderei. Das war zu viel.

Die gute alte Schule mit ihrer Disziplin, ihrem Frontalunterricht und ihrem Bildungsanspruch wurde von ihren Kritikern des öfteren als „Hölle“ bezeichnet. Das ist natürlich übertrieben. Aber wenn die Linken übertreiben dürfen, dann darf ich auch übertreiben. Und so resümiere ich: Während jener Stunden in Halberstadt im Harz haben sich für mich die Tore der Hölle geöffnet. Der Hölle von heute.

Die Kinder werden sich selbst überlassen, mit Gewalt auf sich selbst zurückgeworfen. Man verweigert ihnen Bildung, man verweigert ihnen Führung. Alles sollen sie aus sich selbst nehmen. Was aber sollen sie aus sich selbst nehmen, wenn man ihnen zuvor nichts beibringt? Sie lernen nichts, nicht einmal Widerstand, was auch eine Lektion wäre, sondern vegetieren in der Schule vor sich hin. Sie bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück, entfalten gar nichts, sondern verkümmern, und sollen dann als geistig wehrlose Arbeitsnomaden im Dienst des internationalen Finanzkapitals verenden. Hiergegen mit aller Gewalt und allen Mitteln Widerstand zu leisten, ist Aufgabe der AfD. Die Schule in ihrer aktuellen Verfaßtheit ist verdorben bis ins Mark und nicht mehr reformierbar. Sie wird durch einen Gegenentwurf ersetzt werden müssen. Das wäre dann auch der Gewinn, den ich aus der Teilnahme an dieser Veranstaltung ziehe: Genauer, anschaulicher und besser zu wissen, wogegen wir kämpfen. Dafür gebührt den Veranstaltern Dank, auch wenn sie gerade das mit meiner Einladung ganz sicher nicht bezweckt haben.

Hans-Thomas Tillschneider

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