Kommt auf den Boden, Parteifreunde!

Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg sind hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Das allerdings liegt nicht daran, daß die Ergebnisse schlecht gewesen wären, sondern daran, daß die Erwartungen überzogen waren. Irgendein AfD-Funktionär aus Berlin muß zur Wahl in Brandenburg wohl gar gesagt haben, wir hätten ohne Andreas Kalbitz noch besser abgeschnitten. Noch besser? Noch ganz bei Trost? Abgesehen von der unkollegialen Stichelei und abgesehen davon, daß Berlin das Brandenburger Ergebnis erst noch überbieten muß, bevor man sich von dorther solche Kritik erlauben kann, ist diese Äußerung Ausdruck astreinen Größenwahns und damit leider sehr repräsentativ für die Stimmung in der Partei. Daß wir stärkste Partei werden, galt unter den euphorisierten Anhängern noch als das Mindeste. Eine Selbstverständlichkeit! Fraglich war nur, ob wir es auf Anhieb zur absoluten Mehrheit im Parlament bringen würden oder ob wir zur Machtübernahme einen Koalitionspartner brauchen würden. Das wäre dann vorzugsweise eine gesundgeschrumpfte CDU. Den ersten AfD-Ministerpräsidenten würden wir aber so oder so zu sehen bekommen.

Am Ende war es dann der zweite Platz und sogar noch etwas weniger als in manchen Umfragen – ein Phänomen, das schon bei der Bundestagswahl und bei der Europawahl zu beobachten war. Da man unsere Wähler nicht mehr mit der Vorhersage entmutigen kann, wir blieben eh unter der 5%-Hürde, versucht man es mit einer umgekehrten Strategie. Die Umfragen machen uns etwas stärker als wir sind. Da wir immer davon ausgehen, heruntergerechnet zu werden, und deshalb bei jeder Umfrage noch mindestens 3% aufschlagen, verstärkt dies vor der Wahl Beruhigungseffekte und nach der Wahl Frustrationseffekte. Beides soll uns schaden.

Die Frustrationseffekte könnten aber entgegen ihrer Intention heilsam sein, denn dieser permanente Höhenflug, dieser Glaube, es falle einem nach und nach alles in den Schoß, man müsse sich nur in AfD-Blau auf den Marktplatz stellen und sein Gesicht in die Kamera halten, dieser Glaube ist genau das, was uns am letzten Durchbruch hindert. Man sagt in der Partei von jemanden, der den Erfolg nicht verkraftet, er bekomme „Höhe“. Beste Beispiele sind Petry, Poggenburg oder, etwas weniger bedeutsam, Backhaus.

„Höhe“ heißt, daß jemand glaubt, seine Wahl zu irgendwas verdanke er nur zur Nebensache den glücklichen Zeitumständen oder seiner Partei und zur Hauptsache seinen höchstpersönlichen Eigenschaften, die bis dahin im Dornröschenschlaf lagen, aber nun endlich wachgeküßt wurden. Je mittelmäßiger der Charakter, desto stärker der Drang, sich Erfolge persönlich zuzuschreiben und als unwiderlegbaren Beweis der eigenen Vortrefflichkeit gedeutet wissen zu wollen. Und da die Quelle des Erfolgs ja in einem selbst liegt, glaubt man, es ginge ewig und grenzenlos so weiter. Jens Maier hat diese persönliche Erfolgstrunkenheit einmal glänzend verdorben, indem er erklärte, in einem Wahlkreis, den wir zur Bundestagswahl direkt gewonnen haben, wäre auch ein blauer Besenstiel gewählt worden. Solche Sätze haben das Potential, vor den Kopf zu stoßen. Aber das sollen sie. Sie treffen nämlich immer die Richtigen.

In gewisser Weise hat unsere gesamte Partei in letzter Zeit etwas „Höhe“ bekommen. Die Erfolgsgeschichte der AfD in Verbindung mit dem Umstand, daß weite Teile des Bürgertums vor allem im Westen noch Distanz wahren, führt dazu, daß die kleine Schar derer, die den Sprung wagen, sehr viele Mandate und Posten unter sich aufteilen. Wer hat noch nicht, wer will nochmal? Dies wiederum spricht sich herum. Eine verderbliche Goldgräberstimmung breitete sich aus, in deren Umfeld nicht gerade Leistungsbereitschaft und Disziplin gedeihen. Unser Glück, daß wir nicht 2013 schon in den Bundestag eingezogen sind! Es wäre unser Ende gewesen.

Und deshalb ist es ganz gut, wenn die Partei der unbegrenzten Möglichkeiten jetzt an eine Grenze stößt. Die Phase der Rekordzeiten von Eintritt bis zur Erlangung von Mandat oder Parteijob ist vorbei. Es kommt jetzt eine Phase der hartnäckigen Arbeit. Wir müssen uns verwurzeln. Unsere politischen Konzepte müssen konkretisiert und so an die Realisierung herangeführt werden. Daß wir das Richtige wollen, das haben wir schon gezeigt. Jetzt kommt es darauf an, zu zeigen, daß wir es umsetzen können. Gefragt ist die Arbeit an der Programmatik, die Arbeit in den Kommunen, die Arbeit an uns selbst. Der Bürger soll uns nicht nur für gutwillig halten, sondern auch für qualifiziert. Dies ist keine Aufforderung, weniger grundsätzlich zu werden oder sich anzupassen; es ist eine Aufforderung, die in luftigen Höhen schwebenden und in groben Strichen ausgemalten Entwürfe auszuarbeiten und zu zeigen, wie es geht. Die Wahlen in Brandenburg und Sachsen haben dafür den Boden bereitet.

Hans-Thomas Tillschneider

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