10. Januar 2016

SEXUELLE BELÄSTIGUNG IN ÄGYPTEN UND WAS DARAUS FOLGT

Auf der ara­bi­schen BBC-Sei­te wur­de 2008 ein Arti­kel über eine ägyp­ti­sche Stu­die zum The­ma sexu­el­ler Beläs­ti­gung ver­öf­fent­licht, der durch die Ereig­nis­se in Köln trau­ri­ge Aktua­li­tät gewon­nen hat:

http://news.bbc.co.uk/hi/arabic/middle_east_news/newsid_7512000/7512184.stm

Die Stu­die, auf die sich der Arti­kel bezieht, weist nach, daß auch in Ägyp­ten sexu­el­le Beläs­ti­gun­gen von Frau­en an der Tages­ord­nung sind: Die Mehr­heit der befrag­ten Män­ner gibt an, schon ein­mal sexu­ell beläs­tigt zu haben, und fast alle befrag­ten Frau­en geben an, schon ein­mal beläs­tigt wor­den zu sein. Die Stu­die beschreibt nichts ande­res als die Rea­li­tät, die ich wäh­rend mei­ner Auf­ent­hal­te in der ara­bi­schen Welt erle­ben konnte.

Der Befund steht außer Fra­ge, um die Deu­tung aller­dings wird gerun­gen. Am abwe­gigs­ten ist die femi­nis­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung. Da die­ses Pro­blem ganz offen­sicht­lich nicht nur in der west­li­chen, son­dern auch in der isla­mi­schen Welt auf­tritt, sehen sich Femi­nis­tin­nen in ihrer Annah­me bestä­tigt, es han­de­le sich um kein kul­tu­rel­les Pro­blem, son­dern um ein Män­ner­pro­blem. Wer so argu­men­tiert ver­gißt aller­dings, daß es die­ses Phä­no­men einer kol­lek­ti­ven und öffent­li­chen sexu­el­len Beläs­ti­gung von Frau­en vor 30 Jah­ren so weder in Ägyp­ten noch in Deutsch­land gab, obwohl es auch damals schon Män­ner gab. Auch wenn man also das Tes­to­ste­ron ver­ant­wort­lich macht, müß­te man erklä­ren, wes­halb es aus­ge­rech­net heu­te zu öffent­li­chen Aus­brü­chen sexu­el­ler Gewalt führt?

Nicht bes­ser als die femi­nis­ti­sche Erklä­rung ist in mei­nen Augen die gene­ti­sche Erklä­rung, die aus dem Umstand, daß auch in Köln die Täter vor­wie­gend Män­ner aus dem ara­bi­schen Raum stam­men, schließt, daß sol­ches Ver­hal­ten ein Spe­zi­fi­kum ara­bi­scher Män­ner ist. Auch dage­gen spricht, daß es die­se Ver­an­la­gung schon vor 30 Jah­ren gege­ben haben müß­te, sie sich damals aber selt­sa­mer­wei­se nicht aus­ge­wirkt hat. Ganz abge­se­hen davon ist mensch­li­ches Ver­hal­ten nicht gene­tisch, son­dern kul­tu­rell kon­di­tio­niert, was aber kei­ne Ent­schul­di­gung ist, da wir als Ver­nunft­we­sen auch gegen unse­re kul­tu­rel­le Kon­di­tio­nie­rung han­deln können.

Die Erklä­rung ist, den­ke ich, eine ande­re. Der Arti­kel macht wirt­schaft­li­che Pro­ble­me und eine feh­len­de Ver­wur­ze­lung in isla­mi­schen Wer­ten nam­haft. Das könn­te 2008 eine ver­deck­te Kri­tik an Muba­raks säku­la­rer Regie­rung gewe­sen sein, etwas Wahr­heit dürf­te aber die Erklä­rung schon ent­hal­ten. Inner­halb einer streng ara­bisch-isla­mi­schen Gesell­schaft wäre ein sol­ches Ver­hal­ten, wie wir es in Köln erlebt haben und wie es sogar in Ägyp­ten anzu­tref­fen ist, kaum mög­lich. Man mag das für gut oder schlecht hal­ten, die stren­ge Regle­men­tie­rung des Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses ist jeden­falls die Ant­wort die­ser Kul­tur auf die mensch­li­che Grund­fra­ge, wel­che sozia­le Form dem Ver­hält­nis der Geschlech­ter zu geben sei.

Die­se ara­bisch-isla­mi­sche Gesell­schaft aber exis­tiert kaum noch irgend­wo in ihr ursprüng­li­chen Form. Ägyp­ten galt schon 1999, als ich vor der Ent­schei­dung stand, ob ich mein Aus­lands­stu­di­en­jahr in Kai­ro oder Damas­kus ver­brin­gen soll­te, als rela­tiv ver­west­licht, bedingt durch das poli­ti­sche Bünd­nis mit den USA. Ich ent­schied mich des­halb für Damas­kus, das noch mehr von sei­nem ursprüng­li­chen Cha­rak­ter bewahrt hatte.

Das Pro­blem in Ägyp­ten scheint mir so weni­ger eine „schwa­che Ver­wur­ze­lung in isla­mi­schen Wer­ten“, wie die Stu­die sagt, son­dern eher eine par­ti­ell recht weit fort­ge­schrit­te­ne Ver­west­li­chung eines Teils der Gesell­schaft, auf die der ande­re Teil mit einem sala­fis­tisch über­dreh­ten Islam ant­wor­tet. Über das Inter­net ist die west­li­che Welt und die west­li­che Libe­ra­li­tät im Umgang der Geschlech­ter auch in den Vor­or­ten von Kai­ro vir­tu­ell prä­sent. Die­se vir­tu­el­le Prä­senz weckt Wün­sche und Ori­en­tie­run­gen, die auf eine ganz ande­re, ihr fremd und feind­lich gegen­über­ste­hen­de sozia­le Rea­li­tät tref­fen. Und genau das scheint das Problem.

Dafür spricht übri­gens auch, daß die öffent­li­che sexu­el­le Beläs­ti­gung in Ägyp­ten über den Putsch der Mus­lim­brü­der 2011 und die Wie­der­her­stel­lung einer säku­la­ren Herr­schaft 2013 hin­weg kon­ti­nu­ier­lich zuge­nom­men haben. Die Situa­ti­on wird seit Jah­ren immer problematischer:

http://www.dw.com/de/sexuelle-bel%C3%A4stigung-der‑t%C3%A4gliche-spie%C3%9Frutenlauf-der-%C3%A4gypterinnen/a‑17688931

Die bes­te Erklä­rung für die über­hand neh­men­de sexu­el­le Beläs­ti­gung ist so eine Art sozia­ler Irri­ta­ti­on durch das Auf­ein­an­der­tref­fen ein­an­der frem­der Kul­tu­ren und frem­der Ver­hal­tens­wei­sen inner­halb der­sel­ben Gesellschaft.

Das glei­che gilt für Köln: Isla­misch sozia­li­sier­te Män­ner erle­ben Deutsch­land und die west­li­che Welt als einen Frei­raum, in dem sie sich unsank­tio­niert dane­ben beneh­men kön­nen. Da hier ihre Regeln nicht gel­ten, gehen sie davon aus, daß gar kei­ne Regeln gel­ten. Das Ver­bot von außer­ehe­li­chem Sex ist außer Kraft gesetzt, was unter Umstän­den sogar eine pseu­do­re­li­giö­se Legi­ti­ma­ti­on erfährt. Auf nicht-isla­mi­schem Gebiet, also im hei­li­gen Krieg etwa, sind die Frau­en der Ungläu­bi­gen dem Krie­ger frei­ge­stellt. Der Grund­ton sol­cher Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter ist die Ver­ach­tung der west­li­chen Gesell­schaft, die es nicht anders ver­die­ne, als daß man sie ohne Respekt behandelt.

Das Pro­blem ist somit gera­de die von den Ideo­lo­gen der mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft geprie­se­ne Plu­ra­li­tät, näm­lich daß kei­ne Kul­tur mehr als ver­bind­lich gilt und ver­schie­dens­ten kul­tu­rel­le Codes zuneh­mend belie­big durch­ein­an­der gehen. Das unver­mit­tel­te Auf­ein­an­der­tref­fen von grund­ver­schie­de­nen Kul­tu­ren ver­ur­sacht sozia­le Span­nun­gen, und zwar sowohl in Kai­ro als auch in Köln.

Hans-Tho­mas Tillschneider

Nach­trag: Damit sich jeder selbst ein Bild machen kann, habe ich den kur­zen Arti­kel über die Stu­die übersetzt:

“Stu­die: Sexu­el­le Beläs­ti­gung in Ägyp­ten nimmt zu!

Sta­tis­ti­ken zei­gen, daß mehr als zwei Drit­tel der Män­ner in Ägyp­ten ange­ben, Frau­en sexu­ell zu beläs­ti­gen. Die Mehr­heit von ihnen macht dafür die Frau­en verantwortlich.

Dies hat eine Stu­die erge­ben, die das ägyp­ti­sche Zen­trum für Frau­en­rech­te unter dem Titel ‘Wol­ken an Ägyp­tens Him­mel’ durch­ge­führt hat. Die Stu­die stützt sich auf eine Stich­pro­be von 2000 ägyp­ti­schen Män­nern und Frau­en und 109 aus­län­di­schen Frauen.

In der Stu­die, die das Insti­tut am Don­ners­tag bei einer Pres­se­kon­fe­renz in Kai­ro der Öffent­lich­keit vor­ge­stellt hat­te, wird behaup­tet, daß die gro­ße Mehr­heit der Ägyp­ter mei­nen, Fäl­le von sexu­el­ler Beläs­ti­gung wür­den auf­grund der schlech­ten wirt­schaft­li­chen Lage und feh­len­der Ver­wur­ze­lung in reli­giö­sen Wer­ten zunehmen.

Die­se Stu­die ist die zwei­te, die das Insti­tut ver­öf­fent­licht. Sie gilt als Abschluß des drit­ten Teils der Kam­pa­gne ‘Eine siche­re Stra­ße für alle!’, die das Insti­tut seit 2005 betreibt, wie der Home­page des Insti­tuts zu ent­neh­men ist.

Der Anteil der Män­ner, die zuge­ben, Frau­en schon ein­mal sexu­ell beläs­tigt zu haben, beträgt 62%, wäh­rend der Anteil der Frau­en, die ange­ben, sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen aus­ge­setzt zu sein, 82% beträgt. Die Hälf­te von ihnen gibt an, daß ihnen dies täg­lich widerfährt.

Die sexu­el­le Beläs­ti­gung in Ägyp­ten, das Mil­lio­nen von Tou­ris­ten anzieht, nimmt im all­ge­mei­nen fol­gen­de For­men an: Das Berü­hen der Frau­en, Anspre­chen mit anzüg­li­chen Aus­drü­cken und das Ent­blö­ßen der Geschlechts­tei­le vor den Frauen.

Die­ses Ver­hal­ten kommt in Ägyp­ten gele­gent­lich auf offe­ner Stra­ße, in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln, außer­dem in Tou­ris­ten­zo­nen oder aus­län­di­schen For­schungs­in­sti­tu­ten vor.

Mög­lich­wei­se hat die­ses Ver­hal­ten ver­häng­nis­vol­le Kon­se­quen­zen für den Tou­ris­mus in Ägyp­ten, der eine Haupt­ein­nah­me­quel­le des Lan­des darstellt.

Der Anteil der Frau­en, die bei der Poli­zei Anzei­ge erstat­ten, beträgt nicht mehr als 2,4% weil sie, so die Stu­die, das für zweck­los hal­ten oder eine Schä­di­gung ihres eige­nen Rufes fürchten.

53% der Män­ner kri­ti­sie­ren die Frau­en dafür, daß sie die­ses Ver­hal­ten selbst her­vor­ru­fen und sich dar­an erfreu­en oder dafür, daß sie scham­lo­se Klei­dung tra­gen. Eini­ge Frau­en stim­men dar­in mit den Män­nern über­ein. Die­se den­ken auch, daß Frau­en nach acht Uhr abends zuhau­se blei­ben sollte.

Die Stu­die hat her­aus­ge­fun­den, daß die meis­ten von den Frau­en, die ange­ben, sexu­ell beläs­tigt wor­den zu sein, ange­ben, sich dezent zu klei­den. Die Mehr­heit von ihnen kleidt sich isla­misch ( = tra­gen Schleier).”